Samstag, 9. Januar 2021

Glücksmomente 02-2021: Schwarz wie Treppenholz, weiß wie Schnee und rot wie mein Kopf

Frische Tulpen, ein Käsekuchen, der ausnahmsweise mal gelungen ist, ein selbst genähtes Kleid, das wie angegossen passt, und zwei Mäuse, die sich vor Lachen auf dem Wohnzimmerboden herumkugeln: Es gibt im Alltag so viele Momente des Glücks, in denen das Herz vor Freude schneller hüpft. Je mehr Raum wir den schönen Augenblicken in Herz und Kopf schenken, desto weniger Platz haben die unschönen. Daher achte ich inzwischen bewusst auf die kleinen Freuden des Alltags - von denen es mehr gibt, als man vielleicht glauben mag. Drei bis fünf meiner Glücksmomente, die ich im Laufe einer Woche gesammelt habe, findet Ihr regelmäßig in dieser Rubrik:


Treppen-Glück


Die Natur hat meinen Mann mit einem Alarmsignal ausgestattet, an dem ich erkenne, wann Schluss ist. Er hat da diese Ader rechts am Hals, die immer dann strohhalmdick anschwillt, wenn er sich anstrengt oder ich ihn geärgert habe. Keine Sorge, es ist nicht die Halsschlagader. Er selbst wird dann immer ganz leise, aber seine Ader, die pocht auf 180. Dieses Merkmal scheint genetisch so relevant zu sein, dass mein Mann es unserem Sohn vererbt hat. Wenn beide Adern um die Wette pulsieren, suchen wir Mädels stets das Weite.




Die Ader meines sonst so ruhigen, ausgeglichenen, liebevollen Mannes habe ich in den vergangenen Jahren relativ häufig beobachtet, als er gegen unser Treppenhaus mit aller Kraft kämpfte: sein größter Gegner nach der dreireihig gepflanzten Berberitzenhecke, die er tagelang blutüberströmt ausbuddelte, und das alte Betonfundament unserer Terrasse, das er wochenlang schweißüberströmt ausgrub. Jedes Mal war die Ader außer sich. 





Die verschiedenen Schritte, in denen er unser vormals offenes Treppenhaus aus den 1980er-Jahren in ein geschlossenes umwandelte, zogen sich über vier Jahre. Mein Mann hat nicht nur das ehemals schwarze Eisengeländer ummantelt und uns einen Wäscheschacht vom Obergeschoss bis in den Keller selbst konstruiert. Er hat unter anderem auch die meterhohen Wände eigenhändig in einer waghalsigen Kletteraktion tapeziert und gestrichen. Unser DIY für Fortgeschrittene habe ich ja bereits auf diesem Blog ausführlich vorgestellt



Frisch abgeschabt: Hier ist der Mahagoni-Glanz bereits verschwunden. 


Die Treppe selbst bekam vor ein paar Jahren zunächst weiße Setzstufen und Einbauspots von ihm, bevor mein Mann jetzt jede einzelne Trittstufe mit der Hand abschliff. Eine Maschine hätte noch mehr Staub aufgewirbelt, daher entschied er sich für einen speziellen Schaber. 





Den (vorerst) letzten Abschnitt der Renovierung hat mein Mann in dieser Woche vollendet: Alle 26 Trittstufen vom obersten Flur bis in den Keller hinein sind nun schwarz gestrichen. Der vorherige rötliche Mahagoni-Ton war zwar auch recht hübsch, passte jedoch weder zu unserem Pinienboden noch zur Einrichtung. Weiß war uns zu empfindlich, also entschieden wir uns nach einigen misslungenen Honigton-Versuchen für Schwarz. Und das gefällt uns sehr, sehr gut. 





Nachdem mein Mann seinen Treppenhaus-Gegner nun endgültig besiegt hat, ist auch von seiner Ader nichts mehr zu sehen. Dass mir inzwischen noch eine „Kleinigkeit“ eingefallen ist, mit der unser Treppenhaus noch perfekter als perfekt wäre, verrate ich ihm vorerst lieber noch nicht. Mein Mann arbeitet nämlich seit dieser Woche wieder - und da muss er seinen Hemdkragen schließen können.



Lauf-Glück


Ohne sich der Tragweite ihrer Worte bewusst zu sein, hat mich in dieser Woche eine Seniorin glücklich gemacht, die mir laut Fitness-Tracker in Minute 14.41 bei Kilometer 2.02 und einer anaeroben Herzfrequenz von 166 begegnete. Sie verlangsamte ihren eh schon gemächlichen Schritt, damit ich überhaupt eine Chance hatte, sie in meinem Schneckentempo mit hochrotem Kopf zu überholen, hielt ihren Hund am Halsband und sagte: „Sie können ruhig schnell weiterlaufen, Chanel hat kein Problem mit Joggern.“ Der empörende Gedanke, dass ich ja bereits schnell weiterlief, ja, für meine Verhältnisse sogar rannte, auch wenn es vielleicht von außen nicht so aussah, rückte vollkommen in den Hintergrund. Die Dame hatte „Jogger“ gesagt und mich damit gemeint. Mich. Das hat sie vermutlich an den Schuhen erkannt.  





Seit November bin ich nicht mehr nur eine Yogi. Ich bin jetzt auch eine Joggi. Das klingt für mich genauso neu und seltsam wie „Bis gleich, Spatz, ich geh dann mal laufen“, was ich mittlerweile dreimal die Woche rufe, während ich jedes Mal selbst fassungslos den Kopf darüber schüttele.  


Ich war in meinem Leben schon D-Jugend-Handballerin, Schulsport-Schwänzerin, langjährige Sponsorin diverser Fitnessstudios, Crosstrainer-Besitzerin und Pamela-Reif-Followerin. Heute, in dieser paradoxen Welt, in der wir alles sein können: Batman, Präsident der Vereinigten Staaten, DSDS-Juror und zum Beispiel Einhörner, bin ich plötzlich eine Läuferin. Wartet, kurze Pause, ich muss grad so lachen darüber.


Ganz so leicht war mein Einstieg jedoch nicht. Ich musste zunächst meinen inneren Schweinehund besiegen - ein besonders aggressives, unwilliges Exemplar dieser Rasse, das seit Jahrzehnten meinen Bewegungsdrang beherrscht. Aber ich möchte gern steinalt werden und möglichst lang gesund bleiben, also habe ich meinem Schweinehund ein halbes Jahr vor meinem 40. Geburtstag einen Maulkorb verpasst.

 




Weil ich weiß, wie schwer es ist, sich zum Laufen aufzuraffen, wo doch die gemütliche Couch, das warme Kaminfeuer, das kuschelige Bett oder mitunter sogar die Steuererklärung als unwiderstehliche Alternativen locken, habe ich hier fünf Tipps für Euch:


  • 1. Sucht Euch für den Anfang ein möglichst diszipliniertes Laufdate, mit dem Ihr Euch fest zunächst einmal pro Woche verabredet. Versprochen ist versprochen: Eine gewisse Verbindlichkeit sorgt dafür, dass Ihr schön dranbleibt und nicht beim kleinsten Regenschauer zurück ins Bett kriecht und die Decke bis zum Kinn zieht. Ich startete zunächst mit zwei Freundinnen. Positiver Nebeneffekt: Vor lauter Schnuddeln und Lachen merkten wir gar nicht, dass wir kilometerweit liefen.

  • 2. Fangt ganz langsam an, auch wenn Ihr meint, Ihr könntet wie Usain Bolt direkt lossprinten. Die Mädels und ich sind in einem Tempo gelaufen, in dem wir uns, ohne zu schnaufen, unterhalten konnten. Als ich aufgrund der Corona-Verordnung allein loszog, steigerte ich allmählich mein Tempo, weil ich niemanden mehr zum Schnuddeln hatte und stattdessen hemmungslos hecheln beziehungsweise fluchen konnte.  Ich ging eine Minute, lief eine Minute, ging eine Minute, lief eine Minute - das Ganze stets im Wechsel, zunächst insgesamt 30 Minuten lang. Beim nächsten Versuch waren es zwei Minuten Laufen, eine Minute Gehen. Dann drei Minuten Laufen, eine Minute Gehen und so fort.




  • 3. Steckt Euch kleine, erreichbare Ziele, die Ihr bei Bedarf anpassen könnt. Bei mir ist es eine Brücke, bei der ich spätestens in Minute 15 angekommen sein will, bevor ich den Rückweg antrete, und ein Berg, den ich am Ende meiner Runde am Stück bis nach oben laufe. Zunächst bin ich eigens einen Umweg gelaufen, dann habe ich mich in Trippelschritten bis nach oben gekämpft. Auch habe ich mir fest vorgenommen, einmal am Wochenende und zweimal unter der Woche zu laufen. Nicht mehr, nicht weniger. Ich habe übrigens bewusst auf feste Tage und Zeiten verzichtet, weil sich unser Familienprogramm Woche für Woche ändert.



  • 4. Verzichtet zu Beginn auf teure Laufkleidung: Eigens angepasste Ultra-leicht-slim-easy-Laufschuhe, Hightech-Höschen mit Wasserabperleffekt und Mützen mit integriertem Bluetooth-Lautsprecher mögen auf den einen oder anderen vielleicht motivierend wirken - mich hätte ein professionelles Equipment anfangs nur unter Druck gesetzt. Ich wollte locker beginnen, stets mit der Option, jederzeit ohne Verluste wieder aufhören zu können. Ich trug meine Yoga-Hose, meine Camping-Funktionsjacke und mein Smartphone in der Hand, als ich zum ersten Mal startete. Inzwischen bin ich etwas professioneller ausgestattet: Ich habe mir nach und nach Funktionsunterwäsche beim Discounter besorgt, eine Laufjacke mit Kapuze, bequeme Turnschuhe, eine Smartwatch, die mich von Kopf bis Fuß kontrolliert, protokolliert sowie im Notfall den Rettungsdienst alarmiert und unter anderem kabellose Kopfhörer für megalauten HipHop. Meine Yogahose trage ich immer noch. Das weiß aber nur ich.




  • 5. Und damit wären wir bei meiner letzten Empfehlung: Das Sprichwort "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung" gilt auch fürs Laufen. Mit Stirnband, Schal und Sporthandschuhen ausgerüstet, bin ich selbst bei Schnee und Regen unterwegs. So hat mein innerer Schweinehund keine Chance, mich von meiner neuen "Leidenschaft" (nun gut, das ist übertrieben) abzuhalten, auch wenn er vor jeder Runde die Zähne fletscht und sich demonstrativ auf die Couch wirft.  

Schnee-Glück


Kein Kino, kein Schwimmbad, kein Museum, kein Theater, keine Kletterhalle, keine Eissporthalle, keine Kartbahn, kein Bowlingcenter, kein Eiscafé, keine Besuche von Freunden und Verwandten - all das, was wir sonst in den Weihnachtsferien mit den Mäusen unternommen und sehr genossen haben, ist dieses Mal ausgefallen. Doch dann zeigte irgendwer dort oben ein bisschen Mitgefühl - so glaube ich zumindest - und schickte auch uns in Nordhessen Schnee, was hierzulande keine Selbstverständlichkeit ist. 




Plötzlich lagen kurzzeitig ein paar zarte Flocken in unserem kleinen Garten - und zwar genau so viele wie die  Zaubermaus und der Mäuserich benötigten: für zwei Schnee-Engel, einen Schneemann und 25 Mini-Klassenkameraden, die sie vor lauter Sehnsucht aus Schnee bauten. 




Dann war die weiße Pracht, die die zwei Raketen auf unserem Grundstück und den Fensterbänken unserer Nachbarn mühsam zusammenkratzten, schon wieder aufgebraucht. 


Schnee-Engel auf Nordhessisch


Wir versprachen ihnen Nachschub und mussten in dieser Woche gar nicht lang danach suchen: Das perfekte Winterwonderland mit puderzuckrigen Feldern, glitzernden Eiszapfen an wattebedeckten Bäumen und dem einen oder anderen Rodelhang lag direkt zu unseren Füßen.




Nach vielen, vielen Bob-Rennen, zahlreichen Purzelbäumen im Schnee und unzähligen Tassen mit heißer Schokolade abends vor dem Kamin bin ich mir jetzt sicher, dass sich die beiden später gern auch an diesen außergewöhnlichen Winter erinnern werden. Und das beruhigt mich sehr.




Macht's Euch schön - jetzt erst recht!

Herzliche Grüße,
Sarah               




*Dieser Beitrag enthält unbeauftragte und unbezahlte Werbung für Sportkleidung und eine Smartwatch.



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